Ayeda Alavie

Die zweite Haut

Gedanken zur Freiheit

Anlässlich der Anthologie "Bilder der Freiheit: Texte zum internationalen Antho?-Logisch! Literaturpreis 2016"
(Hrsg. Marco Frohberger)

19. Mai 2017

 


 

Die Anthologie „Die Bilder der Freiheit“ erzählt von Freiheitsbildern. Freiheitsbilder, die mich überraschen und mir zeigen, dass Freiheit viele Stufen hat.

Wenn ich an Freiheit denke, dann sind die ersten Bilder, die mir in den Sinn kommen, Bilder der Gefangenschaft. Vielleicht, weil ich in einem anderen Teil der Welt und in einer anderen Zeit geboren und aufgewachsen bin. In einer Zeit, in der es mit Gefängnis bestraft wurde, wenn man während der Fastenzeit auf offener Straße etwas gegessen oder getrunken hat. In einem Land, in dem es Hausarreste gibt.

Solange existenzielle Freiheitsberaubungen existieren, kann der Mensch nicht an höhere Stufen der Freiheit denken. Die Gefängnis- und Gefangenschafts-Bilder sind dann so schwarz und schwer, dass sie kaum noch Raum für Licht und Leichtes übrig lassen. Die Bilder der Freiheit bleiben außerhalb der Mauer. Unerreichbar. Sodass man denkt: Freiheit ist woanders.

Die Verbote und die Zensur werden mit der Zeit verinnerlicht. Sie werden zu einer eng anliegenden Kleidung. Zu einer Einzelzelle für Körper und Geist. Sie werden zu einer zweiten Haut, die man überall mit sich trägt. In der man wächst. Die man nie verlässt. Und mit der Zeit klebt diese zweite Haut so an einem, dass man sie nicht mehr ablegen kann, ohne die eigene natürliche Haut zu zerreißen.

Deshalb akzeptiert man freiwillig mit der Zeit diese zweite Haut. Man bewegt sich möglichst vorsichtig und begrenzt, damit man seine eigene, natürliche Haut durch freie Bewegungen nicht verletzt. Damit die zweite, enge Haut nicht platzt. Damit man möglichst lange in dieser Einzelzelle verborgen und versteckt bleibt. Und nicht auffällt und in einem größeren, tatsächlichen Gefängnis mit noch mehr Bewegungsverboten landet. Gefängnisse mit dicken Mauern, die mit der Zeit zu einer dritten Haut werden.

Wenn ich in meiner Muttersprache, Persisch, an Freiheit denke, dann denke ich oft an dieses Gedicht von Ahmad Schamlou:

 

احمد شاملو: از مرگ…

هرگز از مرگ نهراسيده ام…
اگرچه دستانش از ابتذال شكننده تر بود
هراس من -باري- همه از مردن در سرزميني ست…
كه مزد گوركن
از بهاي آزادي آدمي، افزون باشد…

 

Ahmad Schamlou
Vor dem Tod

Ich habe nie vor dem Tod Angst gehabt
obwohl mir seine Hände vernichtend erschienen
Ich habe nur Angst vor dem Tod in einem Land
in dem der Lohn eines Totengräbers
mehr Wert ist als die Freiheit eines Menschen

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